Neues aus Indien

So people… lange nichts mehr von der Indien-Front. Ändere ich das mal.

Mehr als ein halbes Jahr lebe ich hier nun schon. Viel gelernt ich habe (Tanx Broda), viele Eindrücke wurden gesammelt, viel erlebt und auch wenn ich auch nicht über alles erlebte hier unterrichten kann hoffe ich doch ich konnte bis jetzt einen Eindruck davon verschaffen was ich hier so tue. Man hört immer das etwas wie ein Jahr in Indien jemanden sehr verändert, einen reifer und erwachsener werden lässt und man anfängt die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Hab ich mich verändert?

Ich würde sagen schon…

1. Ich wackelelele quasi durchgehend auf indische Weise mit dem Kopf. Ob beim Sprechen, beim Zuhören, beim Musik hören, beim Tanzen, beim essen, beim telefonieren oder einfach nur so vor mich hin ohne wirklich darüber nachzudenken. (PS: das Kopfwackeln ist eine sehr viel angenehmere Bewegung als nicken oder Kopfschütteln. Dazu ersetzt es auch noch beides.)

2. Die Wahrnehmung der Körpersprache meines gegenüber hat sich verbessert.
Hier ist es sehr wichtig Bewegungen mit dem gesprochenen Kontext in Verbindung zu bringen, da man hier mit quasi jeder Bewegung mindestens 5 verschiedene Sachen ausdrücken kann.

3. Ich kann mittlerweile überall schlafen. Nicht nur dass ich einfach viel leichter einschlafe, sondern auch länger, fester und egal bei welcher Lautstärke, bei welchem Gerüttel oder Geschüttel schlafen kann. Meine Theorie ist, dass das daraus resultiert, dass hier zum einen der Arbeitstag erst um 10 Uhr wirklich anfängt, und auch so sehr viel in Bussen und einfach so auf Bänken, Mauern oder unter Bäumen weitergeschlafen wird wenn grade nichts zu tun ist.

4. REIS REIS REIS
Es war am Anfang schwer aber mit der Zeit gewöhnt man sich an das essen hier. Hast du dich schon einmal gefragt ob dein Lieblingsgericht immernoch dein Lieblingsgericht wäre wenn du es durchgehend essen müsstest? Drei mal jeden Tag? Wahrscheinlich nicht… Ja wir sind mittlerweile über das Stadium hinaus, dass man es nicht mehr sehen kann und sind schon da wo es dann wieder lecker wird. Ja, es ist anstrengend, liefert aber ordentlich Kohlenhydrate und macht satt.

(z.B. verbraucht meine Familie mit 6 Mitgliedern inklusive uns im Monat ca. 40 kg ungekochten Reis)

5. Aber mal was ernsthaftes. Natürlich gibt es auch Eindrücke die ich gemacht habe, die mein Leben wirklich verändern können bzw. werden. Und zusammengefasst in einem fünften und letzten Punkt wäre das der wert einer Perspektive.

Ein Grund für diesen  und außerdem das wichtigste was ich dieses Jahr lernen werde ist glaube ich, wie wertvoll es ist eine Perspektive zu haben und wie unbewusst einem in Deutschland aufgewachsenen 19. jährigen Paul der drauf und dran war für ein Jahr nach Indien zu ziehen diese doch war.
Wirklich.Wenn man sich als Teenager in die Schule „quält“, sich darüber beschwert, dass man so viele Hausaufgaben auf habe und immer so früh aus dem Haus muss denkt man nicht daran, dass es Kinder in anderen Teilen der Welt gibt, die nicht in die Schule gelassen werden. Man denkt nicht daran, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, dass sie ihre Zähne zu putzen haben und man denkt nicht daran, dass es Menschen gibt die niemals die Möglichkeit haben etwas anderes zu sehen als das Dorf in dem sie geboren wurden, in dem sie später leben werden und in dem sie später sterben werden. Man denkt nicht daran, dass selbst von den Kindern, die in die schule gehen nur ein wirklich kleiner teil davon wirklich Bildung erfährt. Ich sag es grade heraus.
Das Indische Schulsystem wie ich es erfahren habe ist ziemlich schlecht.
(Ich weiß. Eigentlich sollte ich so ein Urteil nicht fällen, geschweige denn verallgemeinern, deshalb bitte behalte im Hinterkopf, dass das meine PERSÖNLICHE MEINUNG ist und es auch wirklich gute indische Schulen gibt. Diese aber hauptsächlich für die nicht reichen Familien, für gewöhnlich nicht verfügbar sind.)

Es ist so…

Wenn ich es mit drei Wörtern beschreiben müsste wären das diese:
1. Auswendiglernen
2. Abschreiben
3. Stillsitzen

In der Schule in der ich arbeite läuft das so…

Von den Kindern wird keinerlei eigenständiges Denken erwartet. Es wird niemand gefördert oder unterstützt. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, dass der Schüler xy in der Achten klasse nicht mal englisch lesen kann obwohl er schon elf Jahre in der Schule (Inklusive Kindergarten) ist. Schüler xy hat einfach alles im Heft stehen was er braucht, “malt“ alle nötigen texte von der Tafel ab, lässt die Hausaufgaben von seinen Eltern machen und meldet sich im Unterricht nicht.
Keiner der Lehrer die ich bis jetzt kennengelernt habe hat sich darum gekümmert wenn ein Schüler rein gar nichts verstanden hat. Dieser wird einfach nicht mehr in den Unterricht mit eingebunden und man verlässt sich darauf, dass er schon irgendwo die Lösungen abschreibt. Seine restliche Schulzeit…
In der Schule werden Kindern Englisch-Grammatikregeln eingetrichtert die ich noch nie in meinem Leben gebraucht habe, die nicht einmal genügend Wörter kennen um einen Satz zu bilden.
Man dreht sich die ganze zeit im Kreis.
Wenn Julian und ich einem speziellen Schüler Fragen stellen wird dieser von allen Seiten mit den Antworten bombardiert, die von den anderen Schülern (denen wir zig mal gesagt haben das sie es nicht tun sollen) dem gefragten aus dem Buch vorlesen werden. Und wenn diese dann mal nicht im Schulbuch steht, und wir die Schüler mit etwas Hilfe an die Antwort heranführen wollen, werden unsere Bemühungen von dem Lehrer unterbrochen dem wir auch schon zig mal gesagt haben er solle bitte nichts vorsagen.
Es kommt einem vor als wäre das wichtigste hier in meiner schule, wie diese von anderen wargenommen wird. Nicht wie die Qualität des Unterrichts oder die Bildung der Schüler sich entwickelt.

Wenn die Klausurphase ansteht läuft es oft so, dass die Lehrer die Arbeiten inklusive der Lösungen an die Schüler verteilen und diese dann die Antworten einfach nur auswendig lernen ohne wirklich zu wissen was genau da vor ihnen auf dem Blatt Papier steht.

Und es gibt trotzdem einige die durch die Prüfungen fallen. Aber das ist bis zur achten Klasse egal weil sowieso alle Schüler einen 1.- Schnitt bekommen, da laut unseres Headmasters die Selbstmordgefahr bei den kleinen zu hoch ist.

Was ist das???

So habe ich mich hier etwas in rage geschrieben, aber was ich versuche hier klarzumachen ist folgendes…

Mir wurde gesagt, dass dieser Freiwilligendienst dazu da ist, um über eine Kultur zu lernen und von einer anderen zu erzählen. Was aber meiner Meinung auf der persönlichen Ebene noch dazukommt ist, dass man versuchen sollte sich einmal seinem eigenen Leben bewusst zu werden, daran zu denken wie viel Glück man eigentlich hat, die kleinen Dinge wertzuschätzen und nicht alles als selbstverständlich anzusehen.
In Deutschland wachsen alle glaube ich ungefähr mit den selben Erwartungen auf.
Du gehst zur Schule. Wenn du dich anstrengst, dann gehst du studieren oder machst eine Ausbildung. Danach arbeitest du irgendwo, machst vielleicht noch einige Weiterbildungen oder machst dich selbstständig. Das was all diese Wege gemeinsam haben ist die Wahl fast alles was man sich erträumt tun zu können wenn man sich nicht blöd anstellt. Und genau diese Wahl, diese Möglichkeit ist hier fast immer nicht vorhanden.

Du kannst dich in der Schule so sehr anstrengen wie du magst, du kannst so schlau sein wie sonst was und du kannst von Erfolg, Reichtum und allem sonst Träumen, nur dass es hier fast unmöglich ist sich diese Träume zu verwirklichen. Natürlich gibt es Ausnahmen, jedoch kann ein Großteil sich den Luxus einer Wahl nicht leisten… Stellt dir vor dir wird dein ganzes Leben lang vorgeschrieben was du den Rest deines Lebens tun wirst ohne Einfluss darauf haben zu können.

Ich finde es wirklich wunderschön hier in Indien. Ich Liebe dieses Land, die Kultur, die Vielfalt, die Herzlichkeit und wirklich fast alles was damit einhergeht. Aber es gibt auch so große Kritikpunkte die dieses Wunderschöne Bild negieren und diese nicht zu nennnen wäre genauso falsch wie nur über diese zu berichten.

Ich hoffe ich konnte vielleicht etwas zum Nachdenken anregen und will noch einmal daran erinnern, dass es sich bei dem Text oben wirklich um meine Erfahrungen mit dem Indischen Schulsystem handelt, die ich durch das Unterrichten an meiner schule bekommen habe. Ich habe auch schon von schulen gehört in denen es ganz anders abläuft. Schulen in denen gutes Englisch gesprochen wird, wo es einen richtigen Lehrplan gibt und von der dann auch Schüler abgehen, die in ihrem Leben dann auch Möglichkeiten haben…

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