Alltag in einem fremden Kosmos

8:30 aufstehen, duschen, anziehen, zu spät frühstücken, Hemdkragen richten und los zur Schule.

So sieht der dann doch sehr hektische Morgen von Julian, meinem mit aus Deutschland eingereisten Gastbruder und mir aus. Nachdem wir am morgen das Haus verlassen haben gehen wir beide schweigend, mit Kabelmusik in den Ohren unsere Straße hinunter in Richtung des Foodbazars, einem kleinen Supermarkt auf unserem Weg in Richtung Schule. Dort wird Proviant für das alltägliche Abenteuer gemausert. Hauptsächlich handelt es sich hierbei um Kekse, unsere Hauptnahrungsquelle für den kleinen Hunger zwischendurch, doch gelegentlich auch mal Snickers oder eine kleine Tafel Schokolade. Nachdem wir ausreichend eingedeckt den Foodbazar wieder verlassen begeben wir uns in Richtung Straße von wo aus uns die Riksha Fahrer aufgrund der Kontinuität unserer morgentlichen Routine schon zuwinken und „ Sri Chayadevi school. 30 rupees“ entgegenrufen.
Angekommen in der Schule wird an unser morgentliches Ritual das der jüngeren Schüler angeschossen. Strammstehen, Beten, Nationalhymne singen und eventuellen Geburtstagskindern gratulieren ist angesagt.
Und das alles in den ersten 90 Minuten des Tages. Nur noch das Lehrermeeting um 10 Uhr und mindestens 5 fragen danach was man zum Frühstück hatte(3 davon auf Deutsch) und der Spaß geht los.

Paul sir. Was hattest du zum Frühstück?“ ~Tenu. Schülerin der 6ten klasse.

Die Schule in der ich arbeite heißt Sri Chayadevi Vidyanikethana Trust Medium School und liegt am Rand des Ortes Hunsur. Hier verbringen wir die meiste Zeit des Tages mit Unterrichten, Roaming, Geschichtenerzählen oder kleineren Spielereien mit den Kindern. Entgegen unserer Erwartung assistieren wir den Lehrern nicht, sondern unterrichten auf eigene Faust, was zwar zu Beginn unerwartet und neu war, aber nach einiger Eingewöhnung kein Hindernis dargestellt hat. Vom Kindergarten bis zur 8ten Klasse unterrichten wir Mathe, Englisch, Naturwissenschaften und eigentlich noch alles andere was sonst noch so geht.
Ja. In der ersten Zeit hatten wir, Julian und ich, mit der Organisation der Schule noch ordentlich zu kämpfen welche, in einem Wort, doch sehr Improvisiert scheint. Nach einigen Wochen jedoch begannen Julian und ich ein System in dem ganzen Chaos zu erkennen.
Es ist eigentlich so.
Die Kinder wollen, genau wie die Lehrer alle immer das man zu ihnen in die Klassen kommt, was ja an sich ja etwas schönes ist, wenn da nicht das Gefühl wäre, dass einige einen nur in den Unterricht einbinden wollen um selbst entspannen zu können. Das trifft aber nicht auf alle Fälle zu. Die Schüler sind in jedem Fall immer komplett aufgeregt, freuen sich riesig und lassen auf keinen Fall zu dass man, hat man die Klasse einmal betreten, diese wieder verlässt. Hat man es dann doch geschafft wird man auf dem Weg an den anderen Klassen vorbei ohne Ausnahme an jeder passierten Tür zurückgerufen man möge doch bitte die klasse übernehmen. „Polo Sir. Take my class“ oder „Paul Sir. Come to my class“ sind wohl die meist gehörten Sätze am Tag. Im Endeffekt schaffen wir es dann aber meistens doch ein insgesamt ein zufriedenstellendes Pensum an verschiedenen besuchten Klassen zu erreichen.

Aber es macht schon Spaß. Gelegentlich ist es, vor allem nach dem Lunch sehr anstrengend mit den aufgeregten und energiegeladenen Kindern Unterricht zu machen aber in den Fällen spielt man einfach ein kleines spiel, bringt den Kindern Deutsche Lieder bei oder wird mit etwas Glück von einem Lehrer abgelöst der erkennt wenn man sich etwas schwer tut.
Es ist nicht immer einfach mit den Kindern. Es gibt Favoriten und es gibt jene bei denen man schon vor der stunde im Gefühl hat, dass sie irgendetwas anstellen um den Unterricht zu stören. Aber mit der Zeit kommt man dahinter wie man welche Kinder dazu bringt leise zu sein und einem zuzuhören ohne diese zu schlagen…

Das Schlagen ist wirklich einer der wenigen Umstände die hier, auch wenn ich von Projekten gehört habe in denen das noch schlimmer ist, die überhaupt nicht gehen und die ich auch zutiefst verachte.
Kinder die nicht älter sind als meine kleine Schwester werden mehrfach mit Stöcken auf Hände, Arme, Beine oder den Rücken geschlagen und das aus Gründen wie dem, dass man seinen Pencil zuhause vergessen hat oder den Gürtel der Schuluniform nicht geschlossen hat. Aber ich möchte hier nicht zu sehr darauf eingehen. Vielmehr will ich euch über mein Projekt informieren und mich nicht auf die negativen Dinge konzentrieren. Wenn ihr dennoch daran interessiert seid wie die Hierarchie hier in der Schule aufgebaut ist und erhalten wird könnt ihr mich gerne privat anschreiben.
Was mich hierbei aber sehr freut ist, das die Lehrerin, die Julian und ich am liebsten mögen angefangen hat uns zu fragen welche Bestrafung wir anstelle von Schlägen vorschlagen würden anstelle sofort zum Stick zu greifen.

Die meisten Freiwilligen würden mir glaube ich zustimmen, wenn ich sage das ich das Indische Bildungssystem sehr fragwürdig finde. Es ist aufgrund der fehlenden Kannadakentnisse natürlich schwer für uns Freiwillige alles richtig zu beurteilen, jedoch fällt auch mit den Sprachbarrieren stark auf, dass das Lernen in Indien eigentlich nur auf Auswendiglernen und nicht dem verstehen von Thesen aufgebaut ist. Man ist verblüfft, wenn eine Frage gestellt wird und niemand das verstanden hat was grade 30 Minuten lang und breit erklärt wurde, nur um dann selbst auf die richtige Antwort zu zeigen, die an der Tafel steht. Aber das ist auch nicht zu Pauschalisieren… Erst gestern bin ich mit dem 5th Standard Umfang und Flächeninhalt durchgegangen und bei der Wiederholung heute waren die Methoden vom Vortag immer noch präsent.
Das ist eins der Dinge, welche ich mir für das Jahr vorgenommen habe. Die Kindern zumindest teilweise dazu zu motivieren sich für das was in der Schule beigebracht wird auch zu interessieren und nicht nur die Mitschriften auswendig zu lernen.

Nach einem anstrengenden aber auch sehr schönen Tag strömen dann finally die Mengen in Richtung Schulvan, der zum Busstand fährt.

Auf der Fahrt wird laut Musik gespielt, die Kinder erzählen Witze, lachen oder machen diesen speziellen „Freundschaftshandschlag aus der Kekswerbung“ bis man nach 10 min Fahrt am Busstand mit lautem „Julian sir. Paul sir. Bye“ verabschiedet wird und man sich nach Hause begibt wo man erschöpft aber auch glücklich von der Auntie mit einem dampfenden lemontea empfangen wird.

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