7000 Km Luftlinie… Zuhause!

Ich muss hier weg.
Raus in die Welt.
Anpacken und raus aus diesem tristen Alltag.
Fernweh…

Das war meine Einstellung am 04.08.2017 am Airport in Bremen.
Mir viel der Abschied sehr leicht. Wirklich sehr sehr leicht. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe weder geweint, noch war ich traurig über den Abschied, noch vermisse ich mein Zuhause in diesem Moment. Entschuldigt. „Mein Zuhause in Deutschland.“ Ich habe kein Heimweh! Natürlich fehlt es mir mit meiner Familie am Abend Zuhause zu sitzen, die Gespräche mit meinen Freunden (Grüße gehen raus an die Prudiiiiis ❤ hab euch lieb!), die Haustiere, die Hobbys. Aber all das würde ich nicht als Heimweh bezeichnen. Heimweh ist in meiner Vorstellung etwas permanent penetrantes, was einen den ganzen Tag hindurch begleitet und beeinflusst.
Ich sage zwar, dass mir diese oben genannten Dinge, und noch viel mehr hier fehlen. Was ich damit aber meine ist, dass ich gelegentlich denke wie schön es doch wäre jetzt grade dieses eine Gespräch mit dem einen Freund zu haben oder jetzt grade mit meiner Mutter, meinem Vater, meinen beiden Brüdern und meiner kleinen Schwester an einem Tisch zu sitzen, mein Lieblingsessen zu essen und dann noch einen schönen Film zu gucken (Hab genug von Ganga).

***Aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Indiens von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller:
Ganga, die: Eine indische Serie, welche bei uns jeden Abend Zuhause läuft und von einer Familie handelt, die mit alltäglichen Situationen, wie einer Reifenpanne oder einem, das Haus betretenden, Kleintier konfrontiert wird, was durch fast zur Perfektion getriebener Schauspielkunst, sinnfreie
Porträtaufnahmen, Musikeinschübe und endlose Wiederholungen derselben ins lächerlich Überdramatische gezogen wird.***

Aber ich muss mich hier glaube ich anders ausdrücken, als zu sagen, dass ich diese Dinge vermisse, Heimweh habe. Es ist eher so das mir deren Fehlen hier am Anfang besonders stark aufgefallen ist, dass das Wasser in das ich gesprungen bin kälter war als gedacht.
In dem Moment wo mich dieses Gefühl nicht mehr loslässt, den ganzen Tag begleitet und meine Handlungen und Entscheidungen beeinflusst, würde ich von Heimweh sprechen aber nicht vorher.
Zu meinem Glück geht es mir nicht so. Ganz im Gegenteil. Müsste ich meine Stimmung in einem Diagramm ausdrücken würde ich mich hierbei einer einfachen Funktion wie x2 oder x3 bedienen. Exponentiell steigend. Es wird immer besser.
Wenn man sich erst einmal an die Umstellung gewöhnt hat, anfängt sich nicht immer wieder über die Unterschiede zu wundern ist glaube ich das Schönste hier die Herzlichkeit der Inder die einem hier überall begegnet. Natürlich gibt es einige Punkte die das wiederum etwas negieren, wie zum Beispiel, dass man immer damit rechnen muss für jede kleinste Dienstleistung Geld bezahlen zu müssen, oder das viele nette Inder auf der Straße einem einfach nur Drogen verkaufen wollen.
Umso mehr freut man sich dann aber über Gesten und Handlungen bei denen ein Inder mich ohne Hintergedanken oder dem Motiv mir etwas verkaufen zu wollen auf der Straße anspricht. Man wird immer gefragt von wo man ist, was man hier tue oder ob man Fotos machen könnte. Aber wenn man mal davon absieht, dass das auf die Dauer etwas nervt, ist diese Einstellung, auf der Straße mit wildfremden Menschen Konversationen zu beginnen etwas was ich in Deutschland sehr vermisse. Grade gestern wurde ich während einer Parade von einem etwas älteren Inder mit einer Trommel um den Hals in die Menge gewunken und dann dazu aufgefordert mit ihm zu tanzen.
Ich war scheiße Ok… aber alle beteiligten hatten einen Heidenspaß und ich bin danach noch eine halbe stunde mit einem breiten grinsen auf dem Gesicht durch die Stadt gelaufen.

Jetzt bin ich angekommen. Angekommen in einer Familie, für die restlichen Monate in Indien die meine und für den Rest meines Lebens ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit sein wird. Ein Zuhause. Ein Ort an dem man sich geborgen, sicher und trotz Sprachbarrieren auf anderer, höherer Ebene verstanden fühlt.
Zu siebt wohnen wir in dem großen violetten Haus mit der Schaukel in der Store street hier in Hunsur. Die Schaukel, meine connection zu einem Kosmos außerhalb Indiens. Ich liebe es hier zu sitze, abends nachdem wir vom Sport kommen, um mit Freunden oder Verwandten zu Telefonieren, mich über das Weltgeschehen zu informieren oder einfach nur meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich denke nach, über den nächsten Tag in der Schule, die Kinder, das Leben hier, die Geschichten der anderen Freiwilligen oder meine Pläne für die Zukunft. Hier, wenn Abends das Licht der Straßenlaterne gerade genug ist um die Hand vor den Augen zu erkennen sitze ich, mal alleine, mal mit den anderen Freiwilligen, mal mit meinem Gastbruder Sam und rede über Gott und die Welt.

Ab dem Moment, in dem jemand aus Indien einer Tätigkeit nachgeht, die auch nur ansatzweise mit dem Wort Business zu beschreiben wäre, ist es sehr schwer herauszufinden worum es sich hierbei genau handelt. So auch bei Sam, oder auch Samson, welcher mir von seinen Geschäftsreisen in „Saudi“ erzählt, während er meiner Frage nach dem was er früher gemacht habe galant und ich glaube sogar auch unbeabsichtigt ausweicht. Aber so schlimm ist das gar nicht. Business halt.
Dass, dann noch Teaching und etwas Freiwilligenarbeit. Mehr braucht man nicht zu wissen.
Da sitzen wir dann, reden über alles was uns bedrückt, über unsere Erfahrungen und speziell auch über Deutschland. Sam will immer alles wissen. Was kostet dies? Was kostet das? Kann man das Kaufen? Was macht man wenn…? Und noch vieles mehr.

Und nicht ohne Grund.

Sam ist mir nicht nur zum Freund, sondern wirklich auch zu einem Bruder geworden, dem ich vertraue und den ich trotz der kulturellen Differenzen wirklich verstehe, aber er verlässt uns ab dem 4. Oktober und geht für einen Freiwilligendienst über 12 Monate nach Deutschland! Natürlich macht es mich traurig das er geht, jedoch freue ich mich in erster Linie wirklich von ganzem Herzen für diese wunderschöne Erfahrung die er machen wird.

Da waren es nur noch sechs…
Wenn Sam geht bleiben wir zu sechst zurück. Wir fünf hier unter dem wachsamen Auge von der Auntie, wie sie genannt wird, Elisabeth. Eine wirklich wirklich unscheinbare, etwas niedliche, stolze und überfürsorgliche Frau, die entgegen meines ersten Eindrucks eben nicht nur Hausfrau ist, wie es auf viele Frauen hier in Indien zutrifft, sondern mich nach der ersten Zeit und einigen Erzählungen von Sam wirklich positiv überrascht hat. Nicht nur, dass sie meinem “mitbewohner/mitfreiwilligen“ Julian und mir von Anfang an mit ihrer liebevollen aber bestimmten Art gezeigt hat, wie willkommen wir seien und dass wir mit allem zu ihr kommen könnten, sodass sie zumindest für mich eine Art Mutterrolle einnimmt, soweit das nun eben geht, sondern auch, dass sie seit dem Tod ihres Mannes vor einigen Jahren komplett eigenständig und selbstorganisiert ihr Leben lebt und dazu auch führendes Mitglied in einem Verein ist welcher für die Rechte von Frauen in Indien eintritt.

Was mich ein bisschen wundert ist, dass sie so gut wie nie das Haus verlässt. Wir anderen gehen im Haus ein und aus, mal fahren wir für ein Wochenende in die nächste große Stadt, mal gehen wir nur einen Saft in unserem Lieblingssaftladen Trinken. Auntie jedoch ist immer Zuhause, werkelt an irgendetwas herum, hat ein Meeting aufgrund ihrer Arbeit, kümmert sich um die Grandma oder ist einfach nur die eine Person die da ist wenn man nach hause kommt. Und natürlich auch wenn man geht. Take care. „Take care.“ Wie oft ich diesen Satz nun schon hören musste. Aber Auntie sagt diesen mit einer ernsthaften Ehrlichkeit, dass man ihr nur dankbar für ihre Fürsorge und die Gedanken sein kann die sie sich macht.
Sie kümmert sich. Sie Fragt bei allem nach ob es ok so sei wie es ist, Stopft uns mit Essen voll (was übrigens laut der Geschichten von anderen Freiwilligen keine Selbstverständlichkeit ist), sie sorgt während unserer Vorbereitung aufs besichtigen von Tempeln, Naturparks oder Festivals dafür das wir wissen worauf zu achten ist und sogar bei Kleinigkeiten wie den Lunchboxes für uns Freiwillige, den Uncle oder unsere Gastschwester Sinchana, sorgt sie mit unglaublicher Konsequenz dafür das wir auch ja nichts vergessen.

Hier in dem großen violetten Haus mit der Schaukel sind wir angekommen. Zusammen mit der Auntie, der Grandma, Sam, Sinchana und dem Uncle , als wir ein kleiner Teil der
2017 FSL-Freiwilligencommunity, die für mich ebenfalls, schon nach den ersten gemeinsamen Momenten zu einer zweite Familie geworden ist.

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