Zeit der Lagerfeuer und der Sagen…

Dort ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen…
Ich denke mal, dass jeder der grade diesen Artikel ließt weiss von wem dieser Satz stammt und in welchem Kontext dieser aufgeht.
„Dort ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen.“ So erzählt der ältere, Jonathan Löwenherz dem jüngeren Bruder Karl, alias Krümel Löwenherz, sowohl das erste Mal von einem Leben nach dem Tod, als auch ein zweites mal von einem noch friedlicheren Dasein nachdem man im Jenseits, in Nangiala, verschieden sei.

Gestern hatte ich den mit Abstand schönsten Tag bis jetzt hier in Indien.
Wir fuhren sehr früh los, um uns die ca. 3 Stunden entfernten Bharachukki Waterfalls zu sehen. Am Anfang des Trips war unsere Stimmung eher verhalten, da doch sehr kurzfristig viele unserer Freunde aus verschiedenen Gründen noch abgesagt hatten, was uns allerdings nicht daran hinderte in den Buß am Sabara Bus Stand zu steigen die Reise zu beginnen.
Zu fünft fuhren wir gefühlte Ewigkeiten durch Idyllische Landschaften, kleine Dörfer, über breite Flüsse und zwischen wunderschön grünen Bergen hindurch. Wir hätten ja geschlafen, mussten wir doch an jenem Morgen schon um sechs Uhr aufstehen, jedoch ist die Indische Infrastruktur nicht so ganz darauf ausgelegt den Menschen im Bus ihre ruhe zu gönnen. Die Straßen sind sehr holprig, von Schlaglöchern gepflastert und wenn doch grade ein recht neuer Streckenabschnitt vor einem liegt, kann man sich mit traumwandlerischer Sicherheit darauf verlassen, dass man in regelmäßigen Abständen von viel zu schnell überfahrenen Bodenwellen an die Decke des Busses geschleudert wird.

Als wir nach einigen Stunden schließlich müde und durchgeschüttelt die Wasserfälle erreichten verschlug es uns fast die Sprache. Ich hatte mit einem kleinen Wasserfall gerechnet, meine Erwartungen herabgeschraubt und gedacht das es schon schön werde, jedoch nicht, dass dieser Tag mich derart ins Gedächtnis brennen würde.
Vor uns lag ein Bild wie man es nicht mit einer Kamera einfangen kann, so schön und vollkommen, dass die Komposition von Landschaftselementen einem den Atem raubt. Dieses Bild war wie eine der Darstellungen auf den Rückseiten von Postkarten aus exotischen Ländern bei denen man sich denkt:“Oha das will ich auch irgendwann mal sehen.“ sich dann doch nie die Zeit für solch ein Erlebnis nimmt. Umso schöner war es, dass dieses Motiv quasi eine Überraschung für jeden von uns war
Hier ein Berg. Da ein Fluss am Grund einer Schlucht. Dazwischen die Wasserfälle und über allem die tanzenden Schwaden des Sprühnebels welcher aus dem Abgrund aufsteigt.

Die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen.
So erzählt Jonathan am Ende des Buches, Krümel von Nangilima, bevor beide in den Abgrund Springen. Der Abgrund. Ein Tor in eine andere Welt, erst einmal aufgestoßen nicht wieder zu schließen.
Wir standen zu viert auf dem Plateau und blickten auf die Tosenden Wassermassen hinab. Schweigend. In Gedanken. Beeindruckt von der natürlichen Schönheit dieses Augenblicks.
Was in den Köpfen der anderen vorging kann ich nicht sagen, jedoch stand ich in diesem Moment direkt neben Jonathan und Krümel Löwenherz. Nicht weil ich dabei war in die Tiefe zu springen, vielmehr weil das Tor, von diesem Moment, diesem einen Bild aufgestoßen, mir die Bestätigung und Sicherheit gibt ein Stück weiter auf Indien einzugehen, mich mitreissen zu lassen, von dem Strom an Eindrücken und Erlebnissen um mich schließlich doch irgendwie mit den tosenden Fluten in die Tiefe, hinein in einen Mischpool aus fremder Kultur, Religionen, Werten und Bräuchen zu stürzen.

 

 

Nachdem wir diesen Moment so gut es ging verinnerlicht hatten ging die Tour weiter, schließlich war es erst kurz nach 2 und wir waren von der Hinfahrt noch ausreichend  durchgeschüttelt. So beschlossen wir spontan bei einer Art steinerner Brücke aus unserer Rickscha zu steigen und nach einer längeren Pause den Rest zu laufen.
BESTE IDEE DES TAGES!!!
Mann könnte sagen durch eine dumme Wette, oder durch Zufall (mit der  Warscheinlichkeit von 1/20 und der Wunderzahl 16) hätten wir beschlossen etwas flussaufwärts vom Wasserfall schwimmen zu gehen.

Ich finde Schicksal da schöner;-)
Etwas kitschig ja ich weiss, aber die Summe an Zufällen, die am Ende dazu geführt hat, dass wir am Ende genau das taten was wir taten, war verblüffend.
Wie man auch immer es nennen mag, lagen wir nach einem sehr sehr geilen Bad im Fluss alle am zerklüfteten Ufer auf den sonnengewärmten Felsen, ließen unsere Seele und unsere Beine ins Wasser baumeln und genossen bei frischer Papaya einfach nur dazuliegen, nichts zu tun und uns unserer Situation bewusst zu werden.

 

Sei es meine Einstellung, mein Interesse, meine Erwartungen, meine Ängste, ja vielleicht sogar mein Weltbild. Ich habe keine Ahnung was genau da in mir Passiert ist, jedoch weiss ich das etwas passiert ist, für dessen Eintreten ich überaus dankbar bin. Es ist als würde uns Indien mit seinen Wundern und  locken wollen, um die Vorfreude auf die nächsten 11 Monate ins unermessliche zu steigern.
Es sind die Gedanken an einzelne Momente/Erlebnisse/Eindrücke die mir in schweren Zeiten aufhelfen, mir die Augen öffnen und mich daran erinnern aus dem Schatten herauszutreten und meinen Dämonen die Stirn zu bieten.

Die Wasserfälle im Sprühnebel. Ein besonderes Weihnachtsfest. Ein endlos schöner Sommernachmittag mit der Familie.
Ein Sonnenaufgang in den Bergen…

Gestern war so ein Tag.
Wunderschön wie im Film.
Aufregend ausergewöhnlich wie man es nur selten erlebt, sodass man seinen Kindern davon erzählen wird.
Als eine Geschichte aus der Zeit der Lagerfeuer und der Sagen…

 

 

 

 

 

 

 

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