Zimmer no. 1

Erster Eindruck: Warm, stickig, feucht und staubig.

Perfekt.

5.8. ca. 1:30 Uhr Ortszeit. 52 zukünftige Freiwillige am Bangaluru Airport warten erschöpft und aufgeregt auf den Bus. Der Albtraum eines jeden Klassenlehrers.

Trotz allgemeiner Verwirrung haben wir es dann doch noch geschafft uns in zwei Gruppen aufzuteilen, uns in einen viel zu kleinen Bus zu quetschen und in die bereitgestellten Unterkünfte zu fahren. Ungefähr um sechs Uhr, sind wir dann, vom Gebet in der naheliegenden Moschee unterstützt von den lautstarken Morgenritualen der exotischen Vögel, in den Schlaf gewiegt/gesungen, schließlich alle in ein gedankenloses, unruhiges, schlafähnliches Zwischenstadium gefallen, aus dem wir teilweise schon nach weniger als 2 Stunden wieder aufgeschreckt sind.
Erster Tag in Indien kann also nur gut werden…
Ist er, trotz sehr extremer Übermüdung dann sogar auch.

Wir haben bis jetzt (5.8. 15:00 Uhr) zwei Mahlzeiten und eine kleine Stadterkundung hinter uns gebracht und ich kann nur sagen wie unglaublich glücklich ich bin endlich hier zu sein. Das Frühstück verlief, mit der Ausnahme, dass es sehr ungewohnt ist morgens um sechs Uhr schon warm, fettig und scharf zu essen, recht unspektakulär. Nachmittags jedoch, als wir nach einem kurzen Spaziergang wieder in unserer Unterkunft angekommen waren, alle zum Essen zusammengekommen sind und uns erklärt wurde wie wir ohne Besteck Reis in unseren Mund zu schieben/werfen/schaufeln haben, habe ich angefangen darüber nachzudenken, was genau uns grade widerfährt und hier erwartet.

Wir saßen im Kreis auf dem Boden und in mir hat sich, von einem Moment auf den anderen, ein bestimmter Gedanke in meinem Kopf manifestiert. Es wird einem mit einem mal klar, dass man nun kein Tourist mehr sein, die Kultur eines fremden Landes kennenlernen wird und, auch wenn es sich dabei um einen schleichenden Prozess handelt, sich auch irgendwie etabliert, um ein Teil von etwas Größerem zu werden. Bis hierhin ist, abgesehen von der Vorbereitung, noch nichts von alledem geschehen, jedoch bin ich mir sicher, dass sich mit der Zeit der erste Eindruck des Landes zu einem Zweiten und Dritten entwickelt und schließlich zu einem detaillierten Bild formt, welches meine Vorstellung des Verhältnisses Indiens zu mir repräsentieren wird.
Es ist wunderschön, mit welcher Aufrichtigkeit mir das Lächeln des mir gegenüberstehenden Mannes, meines coordinators, ein Jahr voller originaler, bewegender und lehrreicher Indien-Erfahrungen verspricht. Dieses Gefühl sagt mir, dass ich nun Angekommen, dass ich mich voll und ganz darauf einlassen werden muss hier zu sein, um den selbst gesetzten Kontrast in meinem Leben anzunehmen und zu verinnerlichen.

Sechs Tage sind wir insgesamt im FSL-India Training center und wir werden langsam, wenn auch etwas theoretisch an die Indische Kultur herangeführt. Wir hatten Einheiten über die Sitten und Bräuche hier im Gastland, lernen durch Gespräche mit den Indischen Teamern und erkennen vor allem, unser bisheriges Bild von dem Land zu überdenken zu müssen.
Ja es ist sehr heiß und feucht, das Essen ist sehr gewöhnungsbedürftig und die Kommunikation fällt sichtlich schwer, jedoch hat sich bis dato noch kein Hindernis zu erkennen gegeben an welches sich nicht zu gewöhnen wäre. Ich stelle mir vor, dass, auch wenn ich noch nicht aus eigener Erfahrung sprechen kann, nach der ersten Gewöhnungsphase Indien für uns Freiwillige ein zweites Zuhause darstellen wird, welches uns mit offenen Armen aufgenommen hat.

Allerdings ist es recht krass als wie besonders ein Europäer hier aufgefasst wird.
Man wird von allen Seiten her angeguckt, überall lachen die Leute mit zeigendem Finger in die eigene Richtung, man wird dauernd gefragt wie man heißt, woher man kommt und ob man ein Foto machen könnte, aber zwischen diesen doch schon sehr stereotypischen Reaktionen gibt es auch immer wieder Momente in denen man von der hiesigen Herzlichkeit überrascht ist. Eine Herzlichkeit, wie sie es in Deutschland nicht gibt. Man hat zwar Kommunikationsschwierigkeiten, doch wo der Deutsche sich kopfschüttelnd der Verzweiflung hingeben würde lacht man hier darüber, das man dann doch zum fünften mal den falschen Stoff bekommen hat den man kaufen wollte. „No problem Sir. No problem“ heißt es dann, und von einer universell seitlichen Kopfbewegung begleitet bekommt man am Ende doch das was man wollte.

Allein wie sich hier das Einkaufserlebnis von dem in Deutschland unterscheidet ist heftig.
Wo es in Deutschland heißt: „´n Morgen. Das da? 5.50€. Tschüss“ heißt es hier:“ Oh Hallo. Wie geht es ihnen. Eine schöne Kette ist das. Woher kommen sie. Wie ist ihr Name. Schönes Wetter heute nicht wahr?“

Bei der Erklärung wie man eine Kokosnuss zu essen habe, werden einem dann noch diverse Häppchen exotischer Früchte angeboten und hat man fertig gegessen, wird man noch auf die andere Straßenseite begleitet.
Oft ist diese Herzlichkeit auch einfach nur etwas versteckt. Wenn man einem starrenden Blick zu seinem Absender folgt und diesem dann ein lächeln schenkt, folgt als Reaktion darauf oft ein wunderschönes, aufrichtiges Lachen oder Lächeln wie man es in Deutschland vermissen würde. Es ist als wäre man umgeben von Menschen mit extrem guter Laune. Eine Laune, die einen ansteckt, mitreißt und die eigene Unsicherheit im Boden versinken lässt.

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