Der Drache mit den roten Augen

Ich warte immer noch ganz ungeduldig.
Warte hier Zuhause darauf, dass mein Kopf sich endliche darüber klar wird was Morgen für ein Tag ist. Morgen, eigentlich ja heute, der Tag, der letzte Tag hier in Deutschland.

Das letzte Mal Zuhause aufstehen, das letzte mal Duschen, das letzte mal mit der Familie Frühstücken, sich von den Haustieren verabschieden und dann ab dem Flughafen alleine durch die Weltgeschichte wandeln.
Eben sind meine besten Freunde das letzte Mal aus meiner Tür getreten, haben sich rührend, von mir verabschiedet und sind dann hinaus in die Nacht gefahren.
Wann werde ich diese Rücklichter wohl wiedersehen?
Es schmerzt, denn es ist ein Abschied von meinen Freunden, meiner Familie und alles in allem. Ja in gewisser Hinsicht verabschiede ich mich auch von mir selbst.
Von dem Paul, der bis jetzt nur die Schulbank gedrückt hat, der immer viel zum Sport gegangen ist, viel Spaß mit seinen Freunden hatte und nun mit AFS nach Indien geht.

Es gibt ein Bildderbuch von Astrid Lindgren, welches von einem Drachen mit Roten Augen handelt. Dieser Drache wird eines Nachts von einer Sau geworfen, von ihr gesäugt, doch schon alsbald auch, nachdem diese merkt, dass der kleine anders ist, wieder von dieser Verstoßen. Die Kinder des Hofes kümmern sich um den Drachen, füttern diesen und spielen mit ihm, bis er sich eines Abends recht plötzlich wohlgemerkt, unter Tränen verabschiedet und dann jauchzend in den Sonnenuntergang fliegt und nicht wieder zurückkommt.

Ich fand dieses Ende als kleiner Junge immer sehr irritierend, traurig wurde ich jedoch nie. Die Erinnerung an die Illustration, des fröhlich singenden kleinen grünen Drachens, der in einen gelb, rot leuchtenden Himmel fliegt, ruft mir jedes mal, bis heute, ins Gedächtnis, mich nicht nur wegen des Abschieds zu grämen, sondern auch und vor allem die schöne Seite zu betrachten, einen Abschied gleichzeitig als einen Aufbruch zu sehen. Es ist zwar der letzte Tag, aber auch der Beginn von etwas neuem. Etwas, meiner Meinung nach, wunderschönem, für dessen Erfahren ich nur dankbar sein kann.
Natürlich habe ich Angst, Respekt und Erfurcht vor der nächsten Zeit. Aber ich kann mich nur wiederholen, dass ich mir sicher bin, dass ich erwachsener und reifer aus diesem Abschnitt meines Lebens hervortreten werde als ich in ihn eingetreten bin.
Wir gehen weltwärts…

Wir sind die Drachen mit den roten Augen…

 

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Ein Kommentar zu „Der Drache mit den roten Augen

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